Alle Beiträge von Anita Stürmer

Gemeinsam Homeschoolen mit anderen Familien

Mit frischer Motivation setze ich mich wieder einmal für ein Update hinter meinen Blog!

Seit dem neuen Schuljahr sind wir mit zwei anderen Homeschooling-Familien unterwegs. Die Idee ist entstanden, weil wir einerseits gemerkt haben, dass unser Mittlerer ein sehr sozialer Typ ist und eine Kinderschar um sich braucht, um effizient und begeistert zu lernen. Er braucht diese positive Resonanz, die in einer Gruppe entstehen kann. Anderseits habe ich als Mama auch gemerkt, dass es mich ziemlich auslaugt, die ganze Last alleine zu tragen. Auch ich bin eher der gemeinschaftliche Typ, tausche gerne mit anderen Ideen aus und arbeite gerne in einem Team. So haben sich die Türen auf wundersame Weise geöffnet und wir haben aufs neue Schuljahr mit zwei Familien mit unserem neuen Gemeinschafts-Homeschooling-Modell gestartet. Wir teilen uns die Fächer auf. So sind an einem Tag pro Woche alle Kinder fürs Deutsch bei der einen Mama, einmal pro Woche alle fürs NMM bei der zweiten Familie und einmal pro Woche sind alle Kids fürs Gestalten bei mir. Wir fühlen uns alle entlastet und es macht Spass gemeinsam unterwegs zu sein. Auch die Kids sind begeistert und können von unterschiedlichen Bezugspersonen und Vorbildern profitieren.

Bienenwaben auf der Strasse zeichnen

Bienen falten

Mit dem Zirkel 6-Ecke konstruieren und Bienenwaben zeichnen:

Hier werden mit Kaplas Bienenwaben nachgebaut.

Neues Angebot für Homeschooler in Bern

Seit Beginn des neuen Schuljahres dürfen wir begeistert vom neuen Angebot für Homeschooler in der Stadt Bern profitieren: Dem FreiLernRaum. Mit viel Herzblut und Engagement eröffnete auf das neue Schuljahr der FreiLernRaum ihre Türen. www.freilernraum.ch

Wir haben schon viele inspirierende Stunden in diesen Räumlichkeiten verbringen können. Hier einige Ausschnitte:

Kalligraphie-Workshop im Freilernraum am15. August mit Fritz Tschanz (Einer der renomiertesten Kalligraphen der Schweiz)img_20160815_114015

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Lionel zeigt anderen Kindern, wie man mit Scratch programmiert:img_20160905_112428

Workshop über Strom im FLR mit vielen Experimentenimg-20160907-wa0003

img-20160907-wa0002 Erleben, wie die Elektronen fliessen 😉 img-20160907-wa0005Freies Spiel mit andern Kindern:

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Kletterkurs organisiert vom FLR im O`Block in Ostermundigen

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Zirkus-Workshop am Vertikaltuch

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Nähkurs in Worb organisiert vom FLR

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Naturfarben selber herstellen und damit ein Bild malen im FLR

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Chlouseseckli von Hand zusammennähen und mit Kartoffelstempel bedrucken im FLR

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Speckstein-Workshop im FLR

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Meine Gedanken zum Artikel „Fünf Lern-Mythen, die wissenschaftlich widerlegt sind“

Kürzlich wurde ich von einer Freundin nach meiner Meinung zum Tagi-Online Artikel „Fünf Lern-Mythen, die wissenschaftlich widerlegt sind“ gefragt. Hier meine Gedanken:

Wenn „wissenschaftlich“ im Titel steht, möchte ich genau wissen, um welche Studie es sich handelt und wie sie durchgeführt wurde und über welchen Zeitraum. Homeschooling oder das freie Lernen ist für mich eine so extrem ganzheitliche Sache, dass das ganze nur schwer messbar ist. Wenn für die Studie zum Beispiel eine normale Klasse für eine kurze Zeit beauftragt wird selbstgesteuert zu lernen und eine andere Klasse angeleitet wird zu lernen, glaube ich sofort, dass die angeleitete Gruppe in einem Test besser abschneidet. Man kann viel Leistung erbringen mit Druck und mit auf dem Tablett servierten fixfertigen hübschen Arbeitsblättern. Mich würde aber interessieren, wieviel von diesem Angelernten dann noch bleibt nach ein paar Jahren und mit wieviel Begeisterung noch weitergelernt wird. Wenn aber über lange Zeit, über Jahre ein Kind die Gelegenheit hat selbstgesteuert zu lernen, wird es mit Freude, Neugier und intrinsischer Motivation sein Leben lang weiterlernen, ohne Druck.

Was doch zählt ist nicht irgendeine Zwischenprüfung mit einer Note, sondern die langfristige Perspektive: Glücklich sein in einem Beruf oder sogar in der eigenen Berufung, ein Leben lang offen sein für Neues und das ständige Dazulernen, in den eigenen Gaben leben, seine Kreativität ausleben. Viele Schulabgänger wollen um keinen Preis je wieder die Schulbank drücken! Sie sind dermassen abgelöscht.

Es gibt in England ein Forscher, der sein Leben lang nichts anderes geforscht hat als das Phänomen „Unschooling“. Er heisst Alan Thomas. Er hat über Jahrzehnte diverse Unschooling-Familien in aller Welt begleitet und konnte keinen einzigen Fall feststellen, bei dem Unschooling komplett in die Hose ging. Das Problem ist einfach, dass man schlecht messen kann, was ein Unschooler genau kann. Wenn zum Beispiel ein 10-jähriger noch nicht lesen kann, heisst das noch lange nicht, dass er nicht gebildet ist. Ein solcher Junge kann ein viel grösseres Wissen haben als seine gleichaltrigen Kollegen. Aber das lässt sich eben nicht so schnell mit einem 0815-Test messen. Das wird sich erst langfristig zeigen.

So, jetzt habe ich viel über Unschooling geschrieben, dabei ging es in dem Artikel ja gar nicht in erster Linie darum. Aber ich nehme an, meine Freundin wollte die Meinung von uns Homeschoolern, Unschoolern oder Freilernern hören… So, jetzt muss ich mal schauen gehen, was unsere Jungs grad am gestalten, entdecken, erforschen, experimentieren und erleben sind. 😉

3-D-Drucker

Seit einigen Wochen beschäftigt sich unser Ältester (10) mit 3-D-Sachen. Er hat schon seit längerem 3-D-Animationen am Compi mit Blender hergestellt und hat jetzt die Möglichkeit Gegenstände mit dem 3D-Drucker auszudrucken. Es entstehen immer wieder neue Ideen. Die ausgedruckten Sachen sind normalerweise weiss. Jetzt haben die Kinder angefangen die Gegenstände anzumalen.IMG_20160427_112351

Optische Täuschung

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Selbst erfundene LEGO-Steine

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Dinosaurier im Druck

IMG-20160428-WA0001Namensschilder zum Bespiel als Tischkarten oder Türschilder

Die Frage mit der Sozialisierung

Über diese Frage könnte man immer wieder etwas schreiben. Da reicht eine kurze Antwort in den FAQ`s wohl nicht. Einerseits hört man aus der Wissenschaft immer mehr Stimmen, die zeigen, dass Kinder, die zu Hause unterrichtet werden vom sozialen her mindestens mit den Schulkindern mithalten können oder sogar diese übertreffen. Forscher in diesem Bereich sind zum Beispiel Gorden Neufeld, Alan Thomas, Ken Robinson oder Peter Gray. 

Die Forschung ist das eine. Meine tägliche Erfahrung bestätigt die Forschung. In der Schule sind die Kinder einer ständigen Konkurenz ausgesetzt: Schulische Leistung, Aussehen, körperliche Kraft, Mode, Vergleich,…Das bedeutet viel Stress. Unter Stress reift ein Kind kaum.  Man bringt den Kindern bei, sie sollen sich wehren, sich verteidigen und das bereite sie vor auf das harte Leben von später. In der Familie möchte ich den Kindern aber nicht beibringen, dass sie sich wehren sollen, sondern ich möchte viel mehr, dass die unterschiedlichen Begabungen nicht eine Konkurenz, sondern eine Bereicherung ist. Ich möchte, dass die Kinder merken, dass wir von einander lernen können und so gemeinsam viel mehr möglich ist. Ich möchte, dass wir lernen uns über die Stärken unserer Mitmenschen zu freuen. Ich bezweifle, dass eine solche Haltung in der Schule an der Tagesordnung ist. Bei unseren Tageskindern beobachte ich viel mehr, dass sie einen täglichen Kampf aushalten müssen, vor allem wenn sie nicht zu den „Coolen“ gehören in der Klasse.

Seit fünf Jahren habe ich an ein bis zwei Tagen pro Woche eins bis drei Tageskinder. Das bedeutet, dass bei uns viele Kinder ein und aus gehen. So haben wir in und ums Haus immer viel Betrieb mit verschiedenen Kindern in unterschiedlichem Alter.

 

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Hier eine typische Mittagsszene bei uns 😉

 

Knete selber machen

Heute haben wir Knete selber gemacht. Die Herstellung ist sehr cool, aber auch die Knete selber ist sehr spassig und hat hohen therapeutischen Wert. Wenn zum Beispiel Kinder die Buchstaben oft spiegelverkehrt schreiben, können sie mit geschlossenen Augen die Buchstaben mit der Knete formen und der Spielpartner muss ebenfalls mit geschlossenen Augen erraten, welcher Buchstabe oder welche Zahl es ist. So können die Kinder spielerisch fühlen, wie ein Buchstabe ist. Hier ein Beispiel für ein Rezept: http://www.mitkindundkegel.de/cms/de/freizeit/basteltipps/knete_selbst_machen/knete_selbstmachen.htmlIMG_20160316_111028 IMG_20160316_112137 IMG_20160316_133206Oder auch Tiere formen und raten, was es ist. 😉

 

Homeschooling Workshop

Wenn man sich für den Homeschooling-Weg entscheidet, schwimmt man gegen den Strom. Auch wenn ich weiss, wie der Mensch am besten lernt und ich gut unterwegs bin mit den Kindern, kommen manchmal Zweifel, ob denn das auch gutkommt und ob die Kids genug lernen. Darum tut es gut mit Gleichgesinnten auszutauschen oder auch mal eine Art Weiterbildung zu machen.

Heute habe ich einen Workshop besucht bei Nicole Isenschmid. Sie hat 10 Jahre Erfahrung in der Volksschule in der intergrativen Förderung (IF) und brennt für den alternativen Weg des Homeschoolings. Sie möchte Menschen, die sich für diesen Weg entschieden haben ermutigen und coachen. Es war ein inspirierender und ermutigender Tag. Es tut gut von einem Profi zu hören, dass man vieles richtig macht. Das bestärkt mich sehr auf unserem Weg und gibt mir Schwung weiter dranzubleiben und es stärkt mein Vertrauen in die Kinder und in das Wunder Mensch.

Ausflug ins Sensorium Rüttihubelbad

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Sand und Klang

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Luftblasen

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Experimentieren mit Spiegeln

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Spontaner Workshop, bei dem Kinder eine Metallspirale herstellen konnten.image

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Experimentieren mit Steinen

 

Fazit: Ein Ausflug ins Sensorium Rüttihubelbad lohnt sich immer wieder. Es ist auch möglich Kindergeburtstage dort durchzuführen. Wir kommen bestimmt bald wieder! Für im Sommer gibt es auch Brätlistellen und Spielplätze draussen zum austoben.

http://www.ruettihubelbad.ch/de/sensorium/

Stürmische Schule

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Die Vineyard-Zeitung „erlebt“ 2.16 März widmet sich dem Thema Schule. Ein Portrait unserer Familie ist auch drin:

Montag Morgen, 9 Uhr in ‘Chäs u Brot’ (doch, das heisst tatsächlich so dort 🙂 ) bei der Familie Stürmer. Nachdem mich Anita, Kai und Lionel begrüsst haben, kriege ich weder Käse noch Brot, aber einen feinen Tee und wir machen es uns gemütlich im Wohnzimmer. Matthias, der Ehemann und Vater, ist bei der Arbeit und Ella, die Kleinste, verbringt ihren Morgen im Kindergarten. Während ich mich für’s Interview einrichte, sind die zwei Jungs bereits wieder in
der Schule – also eigentlich zuhause, aber eben, bei Stürmers wird Homeschooling gemacht und darum sitzen wir mitten im Klassenzimmer während des Interviews. Lionel (4. Klasse) ist im Zimmer nebenan am Programmieren, während Kai (2. Klasse) am Tisch ein Würfelspiel macht – dass er zwar spielt, dies aber gleichzeitig Lernen ist, davon später.
Anita, wie kommt es, dass du Homeschooling machst?
Nachdem unser Lionel zunehmend Probleme in der Schule bekam und wir nach längeren Abklärungen erfuhren, dass er vom Asperger-Syndrom betroffen ist, waren wir gezwungen, für ihn und auch für uns nach einer neuen Lösung zu suchen. Was am Anfang nicht leicht war, ist inzwischen zu einem spannenden neuen Weg für uns als Familie geworden.
Was hat dazu geführt, dass auch Kai zuhause unterrichtet wird, er hatte ja keine Probleme in der Schule?
Ja, er war voll integriert in der Klasse und auch wirklich glücklich dort. Viele Menschen haben den Kopf geschüttelt, als wir auch ihn aus der Schule genommen haben. Ein Grund war, dass Kai sehr gut ist in Mathematik – dennoch musste er konsequent im Zahlenraum 1–20 rechnen in der Schule, obschon er nach dem Aufwachen am Morgen bereits 25 mal 25 gerechnet hat. Meine Sorge war, dass er seine Leidenschaft für Zahlen in der Schule bald verlieren würde.
Wie sieht ein normaler Schultag bei euch aus?
Mir ist es wichtig, dem Tag einen Rhythmus zu geben. Um 7.30 Uhr stehen wir auf und essen das Frühstück als Familie. Auch Julie, unser Aupairmädchen, ist dabei und so starten wir gemütlich in den Tag. Wenn Ella und Matthias um 8.15 Uhr aus dem Haus gehen, machen wir zuerst Musik zusammen und lesen etwas in der Bibel. Um 9 Uhr beginnen wir dann mit dem Arbeiten. Im Moment arbeiten wir primär mit dem Würfelspiel. Da wir noch am Anfang sind in Sachen Homeschooling, bin ich mich aber intensiv am beschäftigen mit der Materie und denke, dass sich da noch einiges ändern wird. Lionel beschäftigt sich zudem intensiv mit Programmieren. Der Nachmittag ist bei uns frei, aber auch da fliesst das Ganze zusammen. In der Freizeit wird ja auch gelernt, wenn wir z.B. ein Katzenhaus zusammen zimmern, von der Idee bis zur Fertigstellung, inkl. heizbares Kissen für unseren Kater. Themenausflüge sind jeweils meine absoluten Highlights! Wir waren z.B. mit anderen Homeschooling-Familien in der Masoala-Halle im Zürcher Zoo und im Leonardo da Vinci-Museum.
Homeschooling bei Stürmers
Bist du einem Netzwerk angeschlossen und tauschst du dich aus mit anderen Familien, die das Gleiche machen?
Ja, ich kenne einige Familien, mit denen ich in Kontakt bin. Mir geht es aber nicht in erster Linie um die praktische Zusammenarbeit, sondern auch um die ‘moralische’ Unterstützung, die man sich gegenseitig geben kann. Als Homeschooler schwimmst du gegen den Strom, musst viel lernen, bist manchmal unsicher – da tut es gut, wenn man sich austauschen kann. Mein Traum wäre es schon, mit anderen Familien zusammen Homeschooling zu betreiben – das würde Kai wohl auch am meisten entsprechen. Austauschen untereinander, jeder bringt sich und seine Stärken ein, das wäre optimal!
Hast du das schon mal versucht?
Ich bin mit zwei Müttern in Kontakt und es könnte sich bald eine Möglichkeit entwickeln, zusammenzuarbeiten. Es müsste auch nicht so sein, dass wir jeden Tag zusammen sind, es könnten auch zwei fixe Tage sein pro Woche und ab und zu ein gemeinsamer Themenausflug.
Notierst du dir, was deine Kinder so am erarbeiten sind, damit du den Überblick behältst und allenfalls auch belegen könntest, was und dass deine Kinder arbeiten?
Ja, ich führe eine Art Tagebuch, wo ich mir Notizen mache und man verfolgen könnte, was bei uns so läuft.
Wie machst du es, dass Lionel nicht ausschliesslich programmiert, sondern auch mal raus kommt, sich bewegt und erfährt, warum z.B. die Murmeltiere pfeifen?
Lionel liest alles, was ihm unter die Augen kommt! So kann ich Themen subtil steuern, indem ich bewusst Bücher im Wohnzimmer rumliegen lasse. Lionel geht zudem einmal die Woche in die  Begabtenförderung und in eine Kinder-Theatergruppe im Stadtzentrum. Er geht alleine mit dem Bus dorthin, was bedeutet, dass er hat lernen müssen, wie man einen Fahrplan liest und sich sicher im öffentlichen Raum bewegt. Als Familie sind wir eher sportlich, klettern, fahren Velo und so könnte sich Lionel gar nicht vor der Bewegung drücken. Da Matthias in der Politik aktiv ist, kennen unsere Jungs die politischen Parteien wie andere Automarken… So gesehen ist es schon so, dass wir unseren Kindern ein abwechslungsreiches und interessantes Umfeld bieten können. Es ist klar, dass es Familien gibt, wo das Kind klar besser aufgehoben ist in der Schule. Für Homeschooling ist eine anregende Umgebung sicher von Vorteil.
Was würdest du tun, wenn Ella unbedingt mit ihren Freunden in die 1. Klasse wechseln möchte? Würdest du sie gehen lassen?
Das habe ich mir auch schon überlegt… ich würde wohl entscheiden, dass sie die ersten zwei Schuljahre mit Homeschooling versuchen sollte, und wenn sie dann immer noch gehen möchte, würde ich sie lassen. Das denke ich aber auch bei den zwei Jungs. Ich kenne Homeschooling-Familien, die das so gemacht haben. Gegen den Willen der Kinder möchte ich nicht arbeiten. Es ist eben auch schwierig, nur halb Homeschooling zu machen. Das heisst, zwei Kinder zu Hause und ein Kind in der Schule zu haben. Wenn man alle zu Hause hat, ist man frei für spontane Themenausflüge, Projekte und Ferien.
Kontakt zu anderen Kindern, wie machst du das?
Ich habe noch Tageskinder, die zwei mal die Woche da sind. Zudem denke ich, dass Kinder ein Beziehungsdorf bräuchten mit Eltern, Grosseltern, Geschwistern und Freunden – am besten altersdurchmischt. Das alles können wir ihnen bieten und so sind sie gut versorgt mit verschiedensten Beziehungen. Kai z.B. geht ins Geräteturnen, ins Tennis, in die Jugi, macht regelmässig ab mit seinem besten Freund aus der Nachbarschaft und spielt gerne mit den Tageskindern.
Du könntest ja noch weiter denken und unschooling machen – warum nicht?
Mich fasziniert unschooling extrem! Wir haben eine Art Mischform… es gibt Homeschooler, die um 8 Uhr Mathematik machen und um 10 Uhr Französisch. Aber ich will nicht die klassische Schule zuhause kopieren. Für reines unschooling würde mir wohl der Mut fehlen, zudem sind unsere Kids wohl schon zu fest geprägt vom Schulbetrieb. Würde ich überhaupt nicht strukturieren, wären sie überfordert. Grundsätzlich sollen sie aber schon vor allem lernen, was sie gerade interessiert und reif ist. Das geht am einfachsten ins ‘Hirni’ 😉
Kai am Klavier spielen
Werden deine Kinder ‘geprüft’ von den Schulbehörden?
Jein. Einmal im Jahr kommt der Schulinspektor vorbei. Der will sehen, welcher ‘Groove’ bei uns herrscht, er schaut, ob die Kids lesen können und lässt sie z.B. eine Rechenaufgabe lösen. Grade letzte Woche hat der Schulinspektor uns besucht. Er war sehr begeistert von unserem Homeschooling-Alltag und von dem, was die Jungs schon alles können und lernen. Zu sagen ist auch noch, dass das Ganze in jedem Kanton verschieden geregelt ist. Der Kanton Bern gilt als liberal. Das zeigen auch die Zahlen. Von den ca. 600 Homeschooling-Kindern in der Schweiz, lebt die Hälfte im Kanton Bern.
Unterrichtest du deine Kinder? Hältst du dich an den Lehrplan – wie muss ich mir das vorstellen?
Der Lehrplan der Unterstufe ist sehr allgemein verfasst. Wenn du mit deinen Kindern ein Menü planst, einkaufst, Mengen berechnest, erfüllst du bereits einiges aus dem Lehrplan ganz praktisch.
Aber hast du einen Plan, was deine Kinder im kommenden Schuljahr etwa können sollten?
Doch schon, ab und zu schaue ich in den Lehrplan. In der Mathematik sind beide mindestens zwei Jahre weiter, dort machen sie, was sie wollen. Im Lesen möchte ich, dass Kai weiter kommt, drum arbeiten wir jeden Tag daran und lesen zusammen.
Machst du auch Lektionen, wo du z.B. Verben einführst?
Nein, das habe ich bis jetzt nicht gemacht. Ich habe Lionel anhand einer Zeitung mal die Verben erklärt und ihn gebeten, mir solche zu nennen – und er hat es sofort begriffen.
Wenn er mal aufs Gymnasium gehen möchte, sollte er aber solche Sachen wissen, oder?
Dann muss er es halt lernen für die Aufnahmeprüfung. Ich muss aber sagen, dass Lionel hochbegabt ist und darum sicher schneller lernt. Ich bin überzeugt davon, dass ein Kind befähigt ist, viel Stoff in kurzer Zeit zu lernen, wenn es ein klares Ziel vor Augen hat und es selber etwas erreichen will. In der Schule ist ein Kind oft getrieben von Druck und den Noten, anstatt aus Interesse am Schulstoff. Hierzu ein Zitat: «Wenn du etwas nicht lernen willst, kann dir niemand helfen. Wenn du etwas lernen willst, kann dich niemand davon abhalten!»
Die Unter- und Mittelstufe mag noch nicht allzu schwierig sein, um Kinder zu begleiten – was, wenn’s dann an schwierigere Themen geht z.B. Algebra oder Wurzeln ziehen?
Soweit denke ich ehrlicherweise noch nicht. Aber es gibt inzwischen auch sehr gute online-Lernvideos – das könnte ein Weg werden
für uns. Ich kann mir auch die Migros Klubschule vorstellen. Lionel kann im Februar an der Uni eine Vorlesung zum Thema ‘Programmieren für Anfänger’ besuchen. Lionel macht eigentlich schon jetzt viele Dinge, von denen ich keine Ahnung habe. Wenn ein Kind etwas lernen will, das ich ihm nicht beibringen kann, suche ich einen Profi in diesem Gebiet oder wir suchen im Internet danach. Wir haben vor kurzem eine Kinderparty organisiert. Alles haben wir zusammen geplant, Flyer gestaltet, gedruckt und verteilt. Menüplanung, Kochen, Gäste empfangen und betreuen. So viele Gelegenheiten, um zu lernen und zu gestalten!
Das kann sich aber nicht jeder leisten – dein Mann verdient gut, ihr habt ein eigenes Haus mit Umschwung und dass Lionel an die Uni kann, hat mit der Arbeit seines Vaters zu tun …
Ja, es ist ein Privileg, dass wir das so machen können. Das bin ich mir sehr bewusst. Aber ich weiss auch von Familien, die in einem Block wohnen und Homeschooling machen.
Wo bleibt da noch Zeit für dich persönlich? Dein Mann ist ja an der Uni und in der Politik sehr engagiert und nicht um 18 Uhr zuhause…
Inzwischen hätte ich alle Kinder mindestens am Morgen in Schule und Kindergarten… für mich ist es schon ein grosses Engagement. Ich bin dankbar, dass wir ein Aupairmädchen haben, das mich entlastet! Jeden Donnerstag Morgen gehe ich mit einer Freundin joggen. Aber alle Eltern haben ein grosses Engagement für ihre Kinder – nicht nur ich!
Wirst du auch kritisiert für deine Entscheidung?
Ich weiss nicht, was über mich geredet wird, mir gegenüber habe ich aber nie Negatives erlebt. Und geredet wird immer, gerade auch über die ‘normale’ Schule wird negativ geredet. Was mich eher beschäftigt, sind die Reaktionen aus der eigenen Familie, wo auch mal gefragt wird, wie lange ich das denn noch machen wolle, irgendeinmal müssten die Kinder doch in die Schule… Ich kann diese Haltung schon verstehen, das bringe ich dann auch zum Ausdruck. Dennoch halte ich daran fest, dass das im Moment der Weg ist für uns. Was die Zukunft bringt, weiss ich nicht. Mir ist ganz wichtig: Ein Kind kommt auf die Welt und lernt. Dieser Prozess hört nicht einfach auf im Schulalter. Mit Homeschooling soll dieser natürliche Prozess nicht unterbrochen werden. In der Schule wird das Kind plötzlich dazu aufgefordert zu lernen. Meine tiefe Überzeugung ist es, dass Kinder lernen wollen, wissen wollen – und ich will ihnen diese Wissensbegierde und Freude am Lernen nicht verderben, darum mache ich Homeschooling!
Das Interview führte Stefanie Ritter
Anita Stürmer
Anita Stürmer, geht ab und zu am Abend ins Squash und liebt es, draussen zu sein.