Meine Gedanken zum Artikel „Fünf Lern-Mythen, die wissenschaftlich widerlegt sind“

Kürzlich wurde ich von einer Freundin nach meiner Meinung zum Tagi-Online Artikel „Fünf Lern-Mythen, die wissenschaftlich widerlegt sind“ gefragt. Hier meine Gedanken:

Wenn „wissenschaftlich“ im Titel steht, möchte ich genau wissen, um welche Studie es sich handelt und wie sie durchgeführt wurde und über welchen Zeitraum. Homeschooling oder das freie Lernen ist für mich eine so extrem ganzheitliche Sache, dass das ganze nur schwer messbar ist. Wenn für die Studie zum Beispiel eine normale Klasse für eine kurze Zeit beauftragt wird selbstgesteuert zu lernen und eine andere Klasse angeleitet wird zu lernen, glaube ich sofort, dass die angeleitete Gruppe in einem Test besser abschneidet. Man kann viel Leistung erbringen mit Druck und mit auf dem Tablett servierten fixfertigen hübschen Arbeitsblättern. Mich würde aber interessieren, wieviel von diesem Angelernten dann noch bleibt nach ein paar Jahren und mit wieviel Begeisterung noch weitergelernt wird. Wenn aber über lange Zeit, über Jahre ein Kind die Gelegenheit hat selbstgesteuert zu lernen, wird es mit Freude, Neugier und intrinsischer Motivation sein Leben lang weiterlernen, ohne Druck.

Was doch zählt ist nicht irgendeine Zwischenprüfung mit einer Note, sondern die langfristige Perspektive: Glücklich sein in einem Beruf oder sogar in der eigenen Berufung, ein Leben lang offen sein für Neues und das ständige Dazulernen, in den eigenen Gaben leben, seine Kreativität ausleben. Viele Schulabgänger wollen um keinen Preis je wieder die Schulbank drücken! Sie sind dermassen abgelöscht.

Es gibt in England ein Forscher, der sein Leben lang nichts anderes geforscht hat als das Phänomen „Unschooling“. Er heisst Alan Thomas. Er hat über Jahrzehnte diverse Unschooling-Familien in aller Welt begleitet und konnte keinen einzigen Fall feststellen, bei dem Unschooling komplett in die Hose ging. Das Problem ist einfach, dass man schlecht messen kann, was ein Unschooler genau kann. Wenn zum Beispiel ein 10-jähriger noch nicht lesen kann, heisst das noch lange nicht, dass er nicht gebildet ist. Ein solcher Junge kann ein viel grösseres Wissen haben als seine gleichaltrigen Kollegen. Aber das lässt sich eben nicht so schnell mit einem 0815-Test messen. Das wird sich erst langfristig zeigen.

So, jetzt habe ich viel über Unschooling geschrieben, dabei ging es in dem Artikel ja gar nicht in erster Linie darum. Aber ich nehme an, meine Freundin wollte die Meinung von uns Homeschoolern, Unschoolern oder Freilernern hören… So, jetzt muss ich mal schauen gehen, was unsere Jungs grad am gestalten, entdecken, erforschen, experimentieren und erleben sind. 😉