Stürmische Schule

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Die Vineyard-Zeitung „erlebt“ 2.16 März widmet sich dem Thema Schule. Ein Portrait unserer Familie ist auch drin:

Montag Morgen, 9 Uhr in ‘Chäs u Brot’ (doch, das heisst tatsächlich so dort 🙂 ) bei der Familie Stürmer. Nachdem mich Anita, Kai und Lionel begrüsst haben, kriege ich weder Käse noch Brot, aber einen feinen Tee und wir machen es uns gemütlich im Wohnzimmer. Matthias, der Ehemann und Vater, ist bei der Arbeit und Ella, die Kleinste, verbringt ihren Morgen im Kindergarten. Während ich mich für’s Interview einrichte, sind die zwei Jungs bereits wieder in
der Schule – also eigentlich zuhause, aber eben, bei Stürmers wird Homeschooling gemacht und darum sitzen wir mitten im Klassenzimmer während des Interviews. Lionel (4. Klasse) ist im Zimmer nebenan am Programmieren, während Kai (2. Klasse) am Tisch ein Würfelspiel macht – dass er zwar spielt, dies aber gleichzeitig Lernen ist, davon später.
Anita, wie kommt es, dass du Homeschooling machst?
Nachdem unser Lionel zunehmend Probleme in der Schule bekam und wir nach längeren Abklärungen erfuhren, dass er vom Asperger-Syndrom betroffen ist, waren wir gezwungen, für ihn und auch für uns nach einer neuen Lösung zu suchen. Was am Anfang nicht leicht war, ist inzwischen zu einem spannenden neuen Weg für uns als Familie geworden.
Was hat dazu geführt, dass auch Kai zuhause unterrichtet wird, er hatte ja keine Probleme in der Schule?
Ja, er war voll integriert in der Klasse und auch wirklich glücklich dort. Viele Menschen haben den Kopf geschüttelt, als wir auch ihn aus der Schule genommen haben. Ein Grund war, dass Kai sehr gut ist in Mathematik – dennoch musste er konsequent im Zahlenraum 1–20 rechnen in der Schule, obschon er nach dem Aufwachen am Morgen bereits 25 mal 25 gerechnet hat. Meine Sorge war, dass er seine Leidenschaft für Zahlen in der Schule bald verlieren würde.
Wie sieht ein normaler Schultag bei euch aus?
Mir ist es wichtig, dem Tag einen Rhythmus zu geben. Um 7.30 Uhr stehen wir auf und essen das Frühstück als Familie. Auch Julie, unser Aupairmädchen, ist dabei und so starten wir gemütlich in den Tag. Wenn Ella und Matthias um 8.15 Uhr aus dem Haus gehen, machen wir zuerst Musik zusammen und lesen etwas in der Bibel. Um 9 Uhr beginnen wir dann mit dem Arbeiten. Im Moment arbeiten wir primär mit dem Würfelspiel. Da wir noch am Anfang sind in Sachen Homeschooling, bin ich mich aber intensiv am beschäftigen mit der Materie und denke, dass sich da noch einiges ändern wird. Lionel beschäftigt sich zudem intensiv mit Programmieren. Der Nachmittag ist bei uns frei, aber auch da fliesst das Ganze zusammen. In der Freizeit wird ja auch gelernt, wenn wir z.B. ein Katzenhaus zusammen zimmern, von der Idee bis zur Fertigstellung, inkl. heizbares Kissen für unseren Kater. Themenausflüge sind jeweils meine absoluten Highlights! Wir waren z.B. mit anderen Homeschooling-Familien in der Masoala-Halle im Zürcher Zoo und im Leonardo da Vinci-Museum.
Homeschooling bei Stürmers
Bist du einem Netzwerk angeschlossen und tauschst du dich aus mit anderen Familien, die das Gleiche machen?
Ja, ich kenne einige Familien, mit denen ich in Kontakt bin. Mir geht es aber nicht in erster Linie um die praktische Zusammenarbeit, sondern auch um die ‘moralische’ Unterstützung, die man sich gegenseitig geben kann. Als Homeschooler schwimmst du gegen den Strom, musst viel lernen, bist manchmal unsicher – da tut es gut, wenn man sich austauschen kann. Mein Traum wäre es schon, mit anderen Familien zusammen Homeschooling zu betreiben – das würde Kai wohl auch am meisten entsprechen. Austauschen untereinander, jeder bringt sich und seine Stärken ein, das wäre optimal!
Hast du das schon mal versucht?
Ich bin mit zwei Müttern in Kontakt und es könnte sich bald eine Möglichkeit entwickeln, zusammenzuarbeiten. Es müsste auch nicht so sein, dass wir jeden Tag zusammen sind, es könnten auch zwei fixe Tage sein pro Woche und ab und zu ein gemeinsamer Themenausflug.
Notierst du dir, was deine Kinder so am erarbeiten sind, damit du den Überblick behältst und allenfalls auch belegen könntest, was und dass deine Kinder arbeiten?
Ja, ich führe eine Art Tagebuch, wo ich mir Notizen mache und man verfolgen könnte, was bei uns so läuft.
Wie machst du es, dass Lionel nicht ausschliesslich programmiert, sondern auch mal raus kommt, sich bewegt und erfährt, warum z.B. die Murmeltiere pfeifen?
Lionel liest alles, was ihm unter die Augen kommt! So kann ich Themen subtil steuern, indem ich bewusst Bücher im Wohnzimmer rumliegen lasse. Lionel geht zudem einmal die Woche in die  Begabtenförderung und in eine Kinder-Theatergruppe im Stadtzentrum. Er geht alleine mit dem Bus dorthin, was bedeutet, dass er hat lernen müssen, wie man einen Fahrplan liest und sich sicher im öffentlichen Raum bewegt. Als Familie sind wir eher sportlich, klettern, fahren Velo und so könnte sich Lionel gar nicht vor der Bewegung drücken. Da Matthias in der Politik aktiv ist, kennen unsere Jungs die politischen Parteien wie andere Automarken… So gesehen ist es schon so, dass wir unseren Kindern ein abwechslungsreiches und interessantes Umfeld bieten können. Es ist klar, dass es Familien gibt, wo das Kind klar besser aufgehoben ist in der Schule. Für Homeschooling ist eine anregende Umgebung sicher von Vorteil.
Was würdest du tun, wenn Ella unbedingt mit ihren Freunden in die 1. Klasse wechseln möchte? Würdest du sie gehen lassen?
Das habe ich mir auch schon überlegt… ich würde wohl entscheiden, dass sie die ersten zwei Schuljahre mit Homeschooling versuchen sollte, und wenn sie dann immer noch gehen möchte, würde ich sie lassen. Das denke ich aber auch bei den zwei Jungs. Ich kenne Homeschooling-Familien, die das so gemacht haben. Gegen den Willen der Kinder möchte ich nicht arbeiten. Es ist eben auch schwierig, nur halb Homeschooling zu machen. Das heisst, zwei Kinder zu Hause und ein Kind in der Schule zu haben. Wenn man alle zu Hause hat, ist man frei für spontane Themenausflüge, Projekte und Ferien.
Kontakt zu anderen Kindern, wie machst du das?
Ich habe noch Tageskinder, die zwei mal die Woche da sind. Zudem denke ich, dass Kinder ein Beziehungsdorf bräuchten mit Eltern, Grosseltern, Geschwistern und Freunden – am besten altersdurchmischt. Das alles können wir ihnen bieten und so sind sie gut versorgt mit verschiedensten Beziehungen. Kai z.B. geht ins Geräteturnen, ins Tennis, in die Jugi, macht regelmässig ab mit seinem besten Freund aus der Nachbarschaft und spielt gerne mit den Tageskindern.
Du könntest ja noch weiter denken und unschooling machen – warum nicht?
Mich fasziniert unschooling extrem! Wir haben eine Art Mischform… es gibt Homeschooler, die um 8 Uhr Mathematik machen und um 10 Uhr Französisch. Aber ich will nicht die klassische Schule zuhause kopieren. Für reines unschooling würde mir wohl der Mut fehlen, zudem sind unsere Kids wohl schon zu fest geprägt vom Schulbetrieb. Würde ich überhaupt nicht strukturieren, wären sie überfordert. Grundsätzlich sollen sie aber schon vor allem lernen, was sie gerade interessiert und reif ist. Das geht am einfachsten ins ‘Hirni’ 😉
Kai am Klavier spielen
Werden deine Kinder ‘geprüft’ von den Schulbehörden?
Jein. Einmal im Jahr kommt der Schulinspektor vorbei. Der will sehen, welcher ‘Groove’ bei uns herrscht, er schaut, ob die Kids lesen können und lässt sie z.B. eine Rechenaufgabe lösen. Grade letzte Woche hat der Schulinspektor uns besucht. Er war sehr begeistert von unserem Homeschooling-Alltag und von dem, was die Jungs schon alles können und lernen. Zu sagen ist auch noch, dass das Ganze in jedem Kanton verschieden geregelt ist. Der Kanton Bern gilt als liberal. Das zeigen auch die Zahlen. Von den ca. 600 Homeschooling-Kindern in der Schweiz, lebt die Hälfte im Kanton Bern.
Unterrichtest du deine Kinder? Hältst du dich an den Lehrplan – wie muss ich mir das vorstellen?
Der Lehrplan der Unterstufe ist sehr allgemein verfasst. Wenn du mit deinen Kindern ein Menü planst, einkaufst, Mengen berechnest, erfüllst du bereits einiges aus dem Lehrplan ganz praktisch.
Aber hast du einen Plan, was deine Kinder im kommenden Schuljahr etwa können sollten?
Doch schon, ab und zu schaue ich in den Lehrplan. In der Mathematik sind beide mindestens zwei Jahre weiter, dort machen sie, was sie wollen. Im Lesen möchte ich, dass Kai weiter kommt, drum arbeiten wir jeden Tag daran und lesen zusammen.
Machst du auch Lektionen, wo du z.B. Verben einführst?
Nein, das habe ich bis jetzt nicht gemacht. Ich habe Lionel anhand einer Zeitung mal die Verben erklärt und ihn gebeten, mir solche zu nennen – und er hat es sofort begriffen.
Wenn er mal aufs Gymnasium gehen möchte, sollte er aber solche Sachen wissen, oder?
Dann muss er es halt lernen für die Aufnahmeprüfung. Ich muss aber sagen, dass Lionel hochbegabt ist und darum sicher schneller lernt. Ich bin überzeugt davon, dass ein Kind befähigt ist, viel Stoff in kurzer Zeit zu lernen, wenn es ein klares Ziel vor Augen hat und es selber etwas erreichen will. In der Schule ist ein Kind oft getrieben von Druck und den Noten, anstatt aus Interesse am Schulstoff. Hierzu ein Zitat: «Wenn du etwas nicht lernen willst, kann dir niemand helfen. Wenn du etwas lernen willst, kann dich niemand davon abhalten!»
Die Unter- und Mittelstufe mag noch nicht allzu schwierig sein, um Kinder zu begleiten – was, wenn’s dann an schwierigere Themen geht z.B. Algebra oder Wurzeln ziehen?
Soweit denke ich ehrlicherweise noch nicht. Aber es gibt inzwischen auch sehr gute online-Lernvideos – das könnte ein Weg werden
für uns. Ich kann mir auch die Migros Klubschule vorstellen. Lionel kann im Februar an der Uni eine Vorlesung zum Thema ‘Programmieren für Anfänger’ besuchen. Lionel macht eigentlich schon jetzt viele Dinge, von denen ich keine Ahnung habe. Wenn ein Kind etwas lernen will, das ich ihm nicht beibringen kann, suche ich einen Profi in diesem Gebiet oder wir suchen im Internet danach. Wir haben vor kurzem eine Kinderparty organisiert. Alles haben wir zusammen geplant, Flyer gestaltet, gedruckt und verteilt. Menüplanung, Kochen, Gäste empfangen und betreuen. So viele Gelegenheiten, um zu lernen und zu gestalten!
Das kann sich aber nicht jeder leisten – dein Mann verdient gut, ihr habt ein eigenes Haus mit Umschwung und dass Lionel an die Uni kann, hat mit der Arbeit seines Vaters zu tun …
Ja, es ist ein Privileg, dass wir das so machen können. Das bin ich mir sehr bewusst. Aber ich weiss auch von Familien, die in einem Block wohnen und Homeschooling machen.
Wo bleibt da noch Zeit für dich persönlich? Dein Mann ist ja an der Uni und in der Politik sehr engagiert und nicht um 18 Uhr zuhause…
Inzwischen hätte ich alle Kinder mindestens am Morgen in Schule und Kindergarten… für mich ist es schon ein grosses Engagement. Ich bin dankbar, dass wir ein Aupairmädchen haben, das mich entlastet! Jeden Donnerstag Morgen gehe ich mit einer Freundin joggen. Aber alle Eltern haben ein grosses Engagement für ihre Kinder – nicht nur ich!
Wirst du auch kritisiert für deine Entscheidung?
Ich weiss nicht, was über mich geredet wird, mir gegenüber habe ich aber nie Negatives erlebt. Und geredet wird immer, gerade auch über die ‘normale’ Schule wird negativ geredet. Was mich eher beschäftigt, sind die Reaktionen aus der eigenen Familie, wo auch mal gefragt wird, wie lange ich das denn noch machen wolle, irgendeinmal müssten die Kinder doch in die Schule… Ich kann diese Haltung schon verstehen, das bringe ich dann auch zum Ausdruck. Dennoch halte ich daran fest, dass das im Moment der Weg ist für uns. Was die Zukunft bringt, weiss ich nicht. Mir ist ganz wichtig: Ein Kind kommt auf die Welt und lernt. Dieser Prozess hört nicht einfach auf im Schulalter. Mit Homeschooling soll dieser natürliche Prozess nicht unterbrochen werden. In der Schule wird das Kind plötzlich dazu aufgefordert zu lernen. Meine tiefe Überzeugung ist es, dass Kinder lernen wollen, wissen wollen – und ich will ihnen diese Wissensbegierde und Freude am Lernen nicht verderben, darum mache ich Homeschooling!
Das Interview führte Stefanie Ritter
Anita Stürmer
Anita Stürmer, geht ab und zu am Abend ins Squash und liebt es, draussen zu sein.

2 Gedanken zu „Stürmische Schule“

  1. Liebe Anita, spannend das Interview zu lesen! Merci, dass du über euer Unschooling-Abenteuer berichtest. Ich wünsche dir und euch allen weiterhin viel Erfüllung dabei und viel Spass beim Blog schreiben.
    Liebe Grüsse aus Bolivien, Anne

  2. Liebe Anita
    Auf mich wirkt euer Artikel sehr stimmig, motivierend und authentisch!
    Dein Blog wird sicher viele HomeschoolerInnen inspirieren und ermutigen – schön dass du das teilst! Danke! Viel Freude und Schwung weiterhin.
    Herzliche Grüsse
    Nicole Jeanine

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